Sensation auf der alm
Arminia Bielefeld zeigt, warum der DFB-Pokal der beste Wettbewerb ist - ein Kommentar
- Aktualisiert: 02.04.2025
- 14:57 Uhr
- Justin Kraft
Arminia Bielefeld steht im Finale des DFB-Pokals. Eine märchenhafte Geschichte, die so in Deutschland nur ein Wettbewerb schreibt.
Der DFB-Pokal ist der beste Wettbewerb in Deutschland. Nur hier werden die kapitalistischen Grundgesetze des Profifußballs ab und zu noch außer Kraft gesetzt. Ob der 1. FC Saarbrücken, der 1. FC Kaiserslautern oder eben jetzt Arminia Bielefeld: Der Pokal schreibt manchmal eben doch seine eigenen Gesetze.
Und er schreibt Geschichten, die es im modernen Fußball nicht allzu oft gibt. Wie die der Bielefelder, die im Sommer 2023 dem Untergang geweiht zu sein schienen. Unter Tränen und mit großer Fanwut stieg man damals von der 2. Bundesliga in die 3. Liga ab.
Arminia Bielefeld 2023 noch im Tal der Tränen
Besonders die Tränen von Vereinslegende Fabian Klos sorgten für großen Schmerz auf der Alm. Auch finanziell stand man vor großen Herausforderungen, musste fast die gesamte Mannschaft neu aufstellen. Umso weniger überraschte es, dass auch in der Folgesaison wieder ein Abstieg drohte. Diesen wendete man allerdings ab – und vermied so einen Horrorabschied von Klos zum Karriereende.
All dieses Chaos, all die Angst um die Existenz eines traditionsreichen Klubs in Deutschland liegen nur wenige Monate bis zwei Jahre zurück. Was am 1. April 2025 angesichts der Vergangenheit nahezu wie ein Aprilscherz aussieht, ist die Realität: Bielefeld steht im Pokalfinale. Nach einem hochverdienten 2:1-Sieg gegen den amtierenden Doublesieger.
Das Wichtigste in Kürze
Wieder dürften bei Klos ein paar Tränen geflossen sein, wenngleich er diesmal als Ex-Spieler von außen mitfieberte. Es ist eine besondere Underdog-Geschichte. Auch weil Bielefeld das fußballerisch überlegene Team war und Leverkusen bis auf den Führungstreffer kaum Gefahr ausstrahlen konnte.
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Bielefelder Märchen: Pokal setzt Spielregeln außer Kraft
Wie eine Fußballsimulation, die alle Spielregeln außer Kraft setzt, nach denen der moderne Sport funktioniert. Die Emotionen, die von den Rängen auf die Spieler übergingen und wie sich die Bielefelder in jeden Zweikampf schmissen, um die Überraschung möglich zu machen: All das war großer Sport.
Sport, den man im Ligaalltag in dieser Form nicht geboten bekommt. Entweder weil sich die Top-Teams auf der Langstrecke ohnehin meistens durchsetzen, wenn sie nicht so unglaublich viele Fehler machen wie Borussia Dortmund oder RB Leipzig. Oder weil einzelne Spiele dort selten diese Bedeutung haben.
Für Bielefeld ging es augenscheinlich um alles. Und entsprechend trat dieses Team auch auf. Es war eine Energieleistung, die durch die Emotionen auf der Alm angetrieben wurde. Die Eruptionen im Stadion beim Ausgleich, beim Führungstreffer und schließlich auch beim Abpfiff wurden immer stärker. Als der Finaleinzug besiegelt war, stürmten einige Fans den Platz.
Noch während der Stadionsprecher versuchte, die Gemüter zu beruhigen und die Anhänger zurück auf die Tribüne zu bringen, schnappte sich Trainer Michel Kniat kurz das Mikrofon und schrie: "Kommt alle auf den Platz!"
DFB-Pokal: Die Ausflucht vor dem Alltag
Der DFB-Pokal ist sicher nicht immun gegen den Kapitalismus und seine Auswüchse. Allein ein Blick auf die Siegerliste reicht dafür aus. Als letzte ganz große Überraschung darf wohl der Pokalsieg des 1. FC Nürnberg in der Saison 2006/07 betrachtet werden.
Aber schaut man eben nicht nur auf die Mannschaften, die diesen goldenen Pokal in den Berliner Nachthimmel hieven durften, sondern auf die Geschichten, die auf dem Weg dorthin geschrieben werden, dann ist dieser Wettbewerb manchmal eine schöne Erinnerung daran, was der Fußball sein kann.
Er ist hin und wieder die Ausflucht vor dem "Höher, schneller, weiter", das von den großen Verbänden in zahlreichen neuen und reformierten Wettbewerben auf die Spitze getrieben wird. Wo mittlerweile Summen verdient werden, die für den Fan kaum greifbar sind. Wo Distanzen zwischen den Entscheidern und Klubs einerseits sowie den Fans andererseits aufgebaut werden, die unüberwindbar scheinen.
Und dann kommt Arminia Bielefeld, schlägt den amtierenden Doublesieger im DFB-Pokal hochverdient mit 2:1 und zieht vor herausragender Kulisse an einem Dienstagabend im April ins Finale ein. Plötzlich weiß man wieder, warum dieser Sport einen irgendwann mal so begeistert hat. Zumindest für einen kurzen Zeitraum.